BVVA NEWS

28.02.2021

In memoriam Dr. Johannes Pieck

Nachruf auf den Ehrenvorsitzenden des BVVA

Der Bundesverband der Versorgungsapotheker (BVVA) trauert um seinen langjährigen Berater, Mentor und Freund Dr. Johannes Pieck, der am 23. Februar 2021 im Alter von 85 Jahren in Frankfurt plötzlich und unerwartet verstorben ist.

Dr. Johannes Pieck, 33 Jahre lang als profilierter Verbandsjurist, zuletzt als Sprecher der Geschäftsführung, in führender Position bei der ABDA tätig, hat nach seiner Pensionierung zehn Jahre lang unseren Vorgängerverband, den Bundesverband krankenhausversorgender Apotheker (BVKA) umfassend beraten und engagiert begleitet. Er hat sich dabei unschätzbare Verdienste für unseren Verband erworben. In Würdigung seiner herausragenden Leistungen hat die Mitgliederversammlung des BVKA Herrn Dr. Pieck im Mai 2016 einstimmig die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Bis ­zuletzt hat er mit Interesse den Werdegang „seines“ BVKA/BVVA verfolgt und, wann immer es ihm möglich war, an unseren Vorstandssitzungen teil­genommen.

Foto: Hilko Meyer

2016 verlieh der BVKA Dr. Johannes Pieck in Würdigung seiner herausragenden Verdienste die Ehrenmitgliedschaft. Dr. Klaus Peterseim (li.) übergab ihm 2017 im Rahmen einer Feierstunde die Ehrenurkunde.

Piecks erste Begegnung mit dem BVKA, an die ich mich erinnere, war ein Vortrag auf einer Jahrestagung in Bad Homburg, in dem es um den legendären „ABDA-ADKA-Kompromiss“ ging. Wir waren empört darüber, dass die ABDA sich der ADKA-Forderung gebeugt hatte und der Erweiterung des § 14 ApoG, einer Öffnung der Versorgung der Krankenhausambulanzen für die Krankenhausapotheken, zugestimmt hatte. In seinem Vortrag hat er loyal die Position der ABDA erläutert und begründet, nicht ohne allerdings zwischen den Zeilen anzudeuten, dass er selbst ganz anderer Meinung war. Später erfuhren wir, dass dieser Kompromiss möglicherweise nicht zustande gekommen wäre, wenn er bei der entscheidenden Sitzung nicht krankheitsbedingt gefehlt hätte.

Ich hatte den Auftrag, nach diesem Vortrag die Meinung des BVKA vor­zutragen, und ich erinnere mich, dass ich meine Rede mit einem berühmten Zitat begann „Mit brennender Sorge ...“. Tagelang hatte ich mir über die Formulierungen Gedanken gemacht, war es doch eine ungewöhnliche Herausforderung für einen jungen Apotheker, dem legendären Dr. Pieck entgegen­zutreten, dessen Geschäftsberichte auf den Apothekertagen als rhetorische Glanzstücke galten, die man unabhängig vom Inhalt schon allein wegen der formulierungstechnischen Kabinettstückchen und der Bonmots gerne anhörte.

Auf meine mit großem Engagement vorgetragene Rede reagierte er verständnisvoll, aber zugleich enttäuschend pragmatisch: Wir lernten an diesem Tag von ihm etwas, was für die Zukunft des BVKA ganz entscheidend sein sollte: Es nützt nichts, politische Entscheidungen, mit denen man nicht einverstanden ist, im Nachhinein zu beklagen. Es geht darum, selbst so zeitig auf die Meinungsbildung einzuwirken, dass man die Dinge im eigenen Sinne beeinflussen und in die richtige Richtung lenken kann. Unser damaliger Vorsitzender Walter Schneider war es dann, der die Idee hatte, ihn zu fragen, ob er es sich vorstellen könnte, nach seiner Pensionierung als politischer und juristischer Berater für den BVKA zur Verfügung zu stehen.

Zehn Jahre lang, von 2001 bis 2011, hat er den BVKA beraten, im Anschluss an seine 33-jährige haupt­berufliche Tätigkeit bei der ABDA, bei der er vom Verbandsjuristen bis zum Sprecher der Geschäftsführung eine Vielzahl von hohen Ämtern bekleidet hatte. Aber mit 65 hört ein Pieck noch nicht auf.

Für den BVKA war dies ein Glücksfall, und ich bin meinem Vorgänger und Freund Walter Schneider bis heute dankbar, dass es ihm gelungen ist, ihn für diese Aufgabe gewonnen zu haben. Walter Schneider hat „seinem“ BVKA damit nach 20 Jahren Vorsitz ein wunderbares Abschiedsgeschenk gemacht und damit dafür gesorgt, dass aus dem Fachverband BVKA ein politischer Verband wurde, eine Ver­einigung von Apothekern, die im Konzert der Vereinigungen eine Stimme haben und als glaubwürdige Institu­tion Gehör finden.

Dass er bereits vor der Gründung des BVKA für unsere Ziele eingetreten ist, ja dass es den BVKA ohne ihn vermutlich gar nicht geben würde, das wussten wir zunächst nicht. Erst im Laufe der Zeit erkannten wir, dass es Johannes Pieck war, der den § 14 Apothekengesetz, die Grundlage unserer Arbeit als Krankenhausversorger, maßgeblich mitgestaltet hatte.

Sein politisches Ziel, das bis 1982 bestehende Zweiklassen-System in der Arzneimittelversorgung der Krankenhäuser abzuschaffen, mündete in die Idee, den öffentlichen Apotheken, die Krankenhäuser versorgen wollten, die gleichen Aufgaben und Verpflichtungen aufzuerlegen, wie sie von den Krankenhausapotheken verlangt wurden. Um ein gleiches Qualitätsniveau in allen Kliniken zu sichern, konnte man es – so seine Auffassung – nicht zulassen, dass ein Teil der Kliniken durch eine eigene Apotheke standardmäßig auf ein pharmazeutisches Dienstleistungsangebot zurückgreifen kann, das anderen Häusern vom System her nicht zur Verfügung steht. Ein weiterer Gesichtspunkt kam hinzu: Es war ihm klar, dass die öffentlichen Apotheken über kurz oder lang vom Krankenhaus-Markt verschwinden würden, wenn sie nicht in die Lage versetzt würden, mit den Krankenhausapotheken auf Augenhöhe zu ­konkurrieren.

Vor diesem Hintergrund kann man Dr. Johannes Pieck mit Fug und Recht als den Vater der Klinischen Pharmazie in der Offizin bezeichnen. Pieck ist damit der Urheber eines ungeheuren Qualitätssprungs der Pharmazie im Krankenhaus. Durch die neu hinzugekommenen, engagierten Kollegen in der Offizin wurden nicht nur die ehemaligen Versandapotheker alter Lesart, sondern auch die Krankenhausapotheker herausgefordert, neue Initiativen zu entwickeln in Richtung mehr Pharmazie vor Ort, mehr Mitverantwortung für die medikamentöse Behandlung und immer neue Aufgaben für die Apotheker in der Klinik. So geht die Initialzündung für die ungeheure Entwicklung, die die Pharmazie im Krankenhaus in den letzten Jahrzehnten genommen hat, nicht zuletzt auf Johannes Pieck zurück.

Damit war Pieck nach seiner Pensionierung ein idealer Partner für den BVKA auf den Feldern Rechtsberatung (natürlich), Politikberatung (ein neues Feld) und Strategieberatung, ein Gebiet, das immer wichtiger wurde. Sein Rat und seine Mitarbeit führten denn auch zu einem tiefgreifenden Wandel des BVKA von einem der Information und der Fortbildung seiner Mitglieder verpflichteten Verband zu einem politischen Verband. Fortan, mit Pieck, erlangte die politische Interessenvertretung eine immer weitergehende Bedeutung. Es galt, die Interessen der krankenhausversorgenden Apothekerinnen und Apotheker gegenüber der eigenen Standesvertretung, der ABDA, aber auch gegenüber der „großen Politik“, also Regierung und Parlament zu vertreten.

Es folgten erste Stellungnahmen zu Änderungen des Apothekengesetzes und Anhörungen im Gesundheitsausschuss des Bundestages, stets eng begleitet von Johannes Pieck, der uns teilweise auch als geladener Experte unterstützte. Es war eine Zeit des Lernens für den BVKA, zusammengesetzt aus Hinweisen, was die Abläufe und die Strategie betraf, aber auch aus Ermahnungen, was die Konsequenz und Stringenz betraf. Ein Segen für uns waren seine Kontakte: zur Berufspolitik, zu Abgeordneten, zu Ministerialbeamten und vielen anderen.

Die Bewährungsprobe folgte bald: Das Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Deutschland wegen der örtlichen Beschränkungen des § 14 ApoG (sog. Kreisprinzip). Es begann im Jahre 2003 und zog sich, bis zum Sieg vor dem Europäischen Gerichtshof, hin bis ins Jahr 2008. Die gesamte Argumentation gegen die von der Kommission geforderte Trennung von Pharmazie und Logistik, entwickelt zusammen mit dem Vorstand des BVKA in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr 2003/2004, wurde von Pieck juristisch aufbereitet zur weiteren Bearbeitung durch seinen Schüler aus ABDA-Zeiten, den ABDA-Justiziar Lutz Tisch, der seinerseits sorgfältig und fundiert die nötigen Schriftsätze ausarbeitete. Unterdessen verfasste ein anderer Pieck-Schüler, Prof. Dr. Hilko Meyer, ein grundlegendes Gutachten zur Vereinbarkeit des deutschen Systems der Krankenhausversorgung mit dem EG-Vertrag für die ADKA. So wurde die Verteidigung der Klinischen Pharmazie in Deutschland ein Meisterstück der Zusammenarbeit zwischen BVKA, ABDA und ­ADKA. Diesem Schulterschluss ist es zu verdanken, dass aus der fälligen Änderung des § 14 ApoG kein Kniefall vor der EU-Kommission, sondern eine behutsame, europarechtskonforme Weiterentwicklung des Regionalprinzips wurde. Danach galt es, die Bundesregierung davon zu überzeugen, an der gefundenen Lösung, die der EU-Kommission immer noch nicht passte, standhaft festzuhalten und sich notfalls vor dem EuGH verklagen zu lassen. So kam es dann, und der Sieg vor dem EuGH sichert die Rahmenbedingungen der deutschen Krankenhauspharmazie bis heute, ein Verdienst nicht zuletzt von Johannes Pieck.

Doch es ging weiter: In Jahre 2002 wurde die Arzneimittelversorgung von Heimen durch den neuen § 12a ApoG völlig verändert. In Analogie zur Klinikversorgung sollte es nicht nur Versorgungsverträge, sondern auch klar definierte, erweitere Aufgaben geben, die die versorgenden Apotheker zu erfüllen haben. Die Öffnung der Zuständigkeit des BVKA auch für die Heimversorgung, eben aus dieser Analogie abgeleitet, war eine Idee von Dieter Steinbach, langjähriges Vorstandsmitglied des BVKA, heute Ehrenpräsident des Weltapothekerverbandes FIP. Die Umsetzung verdanken wir allerdings Johannes Pieck: Er entwickelte den Muster-Versorgungsvertrag, er beschrieb in mehreren, viel beachteten Publikationen, welche Aufgaben damit auf die Apotheke neu zukamen. Er beteiligte sich auch an der BVKA-Info-Tour, bei der mehrere BVKA-Vorstandsmitglieder, u. a. Detlef Steinweg, Klaus Grimm und Klaus Peterseim, einige Wochen lang durch die Lande tingelten, um auf Vortragsveranstaltungen die Kollegen auf die neuen Aufgaben vorzubereiten.

Pieck war auch der erste unter den namhaften Juristen, der das Blistern im Auftrag des Patienten von vorn­herein für zulässig erklärte. Er schuf dafür das Modell der Abgabe für eine ­gedankliche Sekunde und sofortigen Rückreichung der Packung an den Apotheker zwecks Verblisterung. Damit handelte er sich heftigen Widerspruch bei der ABDA ein, was ihn aber nicht störte. Bis heute sind viele rechtliche Probleme rund um das Verblistern ungeklärt; durch die Arbeit des BVKA, insbesondere das unermüdliche Wirken von Prof. Dr. Hilko Meyer, konnten allerdings einige wichtige Fortschritte erzielt werden.

Am 5. Januar wurde Pieck 85 Jahre alt, am gleichen Tag geboren wie der 60 Jahre ältere Konrad Adenauer. Als er 75 wurde, hat er für sich dieses Datum als den „Kairos“ festgelegt, den passenden Tag, das Engagement für den BVKA in jüngere Hände zu legen. Ein Zeichen seltener Klugheit, gelingt es doch nur wenigen großen Männern, die Zügel zu einem Zeitpunkt aus der Hand zu legen, an dem man sie gerne noch weiter beschäftigt hätte. Noch seltener gelingt es, einen Nachfolger zu präsentieren, der die Arbeit in adäquater Weise fortsetzen kann und den Staffelstab mit gleicher Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit weiter trägt. Es spricht für Johannes Pieck, dass er mit Professor Dr. Hilko Meyer einen seiner Schüler überzeugen konnte, fortan sein Werk beim BVKA fortzusetzen. Dies war sicherlich nicht ganz einfach, hatte Meyer doch sehr vielfältige Erfahrungen in der Verbandsarbeit – allerdings mit den Apothekern ganz überwiegend gute! Aber es gelang – und nach nunmehr wie­derum fast zehn Jahren können wir feststellen, dass wir mit Hilko Meyer einen wahrhaft ebenbürtigen Nachfolger für Johannes Pieck gefunden haben – in der Arbeits- und Denk­weise durchaus anders, in der Arbeitsauffassung und der Identifikation mit den Zielen des Verbandes, die er häufig genug selbst mitgestaltet und definiert, auf gleicher Wellenlänge.

Der Abschied von Johannes Pieck ist uns schwergefallen: Zehn Jahre sind eine lange Zeit, wir waren ein perfekt eingespieltes Team. Getragen von einem uneingeschränkten Vertrauen zueinander, haben wir eine wunder­bare Arbeitsatmosphäre entwickelt, nie gab es ein böses Wort, im Gegenteil: Trotz intensiver Debatten um den richtigen Weg ergab sich im Laufe der Jahre eine Harmonie und ein Gleichklang im Miteinander. Dies war nicht zuletzt auf die große Identifizierung mit der Sache, für die Pieck steht, und das totale Engagement für die übernommene Aufgabe zurückzuführen. Gerne rief er mich sonntags am frühen Nachmittag an, wohl wissend, dass er zu diesem Zeitpunkt das Familienleben ebenso wie die Arbeit am wenigsten stört.

Trotz dieses intensiven Miteinanders gelang es ihm stets, die notwendige Distanz zu wahren zu den gewählten Vertretern, trotz fester Überzeugungen übte er keinen Druck aus, er schuf kein Präjudiz, er erteilte nur Rat. Es war ihm wichtig, dass die Ehrenamt­lichen ihre Freiheit und Unabhängigkeit bewahren konnten. Gerne machte er Entwürfe für Briefe und Reden, insbesondere für den Vorsitzenden, dabei betonte er stets, dass es sich jeweils nur um einen „Steinbruch“ handele, wie er sich ausdrückte. Da es mir immer wichtig war, dass „wo Peterseim draufsteht, auch Peterseim drin ist“, habe ich viel verändert, oft wurden die Steine intensiv behauen und neu zusammengefügt. Pieck war nie be­leidigt, selbst wenn ich ein Bonmot gestrichen hatte, auf das er stolz war.

Auf diese Weise wurde Johannes Pieck für mich in dieser Zeit von einer unnahbaren Institution, von einem bewunderten Könner zum Freund. Zu seiner Verabschiedung auf der Jahrestagung 2011 in Bad Homburg habe ich gesagt:

„Heute verabschiede ich auch einen persönlichen Freund, der er in den Jahren geworden ist, uns allen, be­sonders mir. Zum Abschied sage ich Dank, ganz viel Dank für das Geleistete, die großen Erfolge, für beispiel­hafte Entwicklungen, für ste­tige Unterstützung, Hilfe, Rücken­deckung, für die Sicherheit, die man als Verantwortlicher braucht.“

Anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 2016 haben wir ihm auf der Mitgliederversammlung die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Ich erinnere mich, dass er sich über meine Formulierung bei der Laudatio amüsiert hat, als mich die Presse wie folgt zitierte: „Wir ehren mit Herrn Dr. Pieck den Apothekenjuristen schlechthin“. In meiner Gratulation zu seinem Geburtstag habe ich formuliert: „(An Deinem Geburtstag), so vermutete ich, würden der Gratulanten viele sein, für den BVKA hast Du aber eine ganz andere, viel grundsätzlichere Bedeutung: Ohne Dich wären wir kein politischer Verband geworden, ohne Dich hätten wir nie die Bedeutung und die Anerkennung gefunden, die uns seit mehr als 15 Jahren umgibt ...“

Das bleibt.

Johannes Pieck war ein „Rheinischer Katholik“, wie er zu sagen pflegte. Nach einem erfüllten irdischen Leben tritt er mit fröhlicher Gelassenheit und mit einem tiefen Glauben vor seinen Schöpfer, denn für den Christen endet das Leben mit dem Tode nicht, es wandelt sich in Richtung Unendlichkeit. Unser Mitgefühl gilt seiner Schwester und ihrer Familie, Menschen, mit denen er sich eng verbunden fühlte.

Requiescat in pace!

28. Februar 2021
Klaus Peterseim

Pressekontakt

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